Derry/Londonderry – Wo Mauern (blutige) Geschichten erzählen

Derry oder Londonderry? Das ist hier die Frage.

Bevor man überhaupt in die Stadt reinfährt, merkt man: Der Name ist hier ein echtes Statement. Offiziell heißt die Stadt bei den Briten Londonderry. Klar, das „London“ kam im 17. Jahrhundert dazu, als die Londoner Gilden den Bau der Stadtmauer finanzierten. Für die irischen Nationalisten ist es aber einfach Derry (vom gälischen Doire für Eichenhain – Das Eichenblatt ist das „Stadtzeichen“ von Derry).

  1. Stroke City
  2. Mural – Derry Girls
  3. Guildhall & Peace Bridge
  4. St Eugene’s Cathedral
  5. Bogside
  6. „You Are Now Entering Free Derry“
  7. Die Stadtmauer & St. Columb’s Cathedral
  8. The Undertones – Mural
  9. Grianan of Aileach
  10. Beltany Stone Circle
  11. Bildergalerie
Stroke City

Wenn ihr dort unterwegs seid, seht ihr oft Straßenschilder, auf denen das „London“ mit Sprühfarbe übermalt wurde. Die Einheimischen nennen es mit einem Augenzwinkern gern auch „Stroke City“ (zu deutsch: Schrägstrich-Stadt), da oft die Schreibweise Derry/Londonderry genutzt wird. Wir bleiben mal bei Derry, so wie es die meisten Leute im Pub auch tun würden und wie es der Ire zu sagen pflegt, auch wenn wir uns offiziell auf britischem Boden befinden.

Mural – Derry Girls

Am frühen Abend kamen wir in Derry an und checkten in das BnB ein. Da wir aber auch hungrig waren, liefen wir in die Stadt und suchten uns was zu essen. Dabei liefen wir auch an dem berühmten Mural „Derry Girls“ vorbei. Das Wandbild zeigt die Hauptfiguren der preisgekrönten Comedyserie Derry Girls: Erin, Orla, Clare, Michelle und James. Die Serie begleitet fünf Jugendliche in den frühen 1990er-Jahren in Nordirland während der Zeit der „The Troubles“.

Das Foto der Derry Girls findet ihr im vorherigen Beitrag oder hier.

Guildhall & Peace Bridge

Außerdem liefen wir noch zum Rathaus, der Guildhall. Das Gebäude gehört zu den bedeutendsten denkmalgeschützten Bauwerken der Region. An derselben Stelle stand früher das „Market House“, das während der Siege of Derry im Jahr 1689 zerstört wurde. Jenem Ereignis, das Derry als protestantische Bastion gegen die Iren festigte. Der markante Uhrenturm erinnert dabei bewusst an den Elizabeth Tower (Big Ben) in London. Im Inneren befindet sich auch eine beeindruckende Orgel mit über 3.000 Pfeifen.

Während der „Troubles“ wurde die Guildhall mehrfach Ziel von Anschlägen und 1972 durch Bomben schwer beschädigt. Heute ist der Platz davor ein wichtiger Treffpunkt, wo sogar Bill Clinton 1995 eine Rede hielt. Direkt daneben liegt die Peace Bridge (eröffnet 2011). Diese moderne Brücke verbindet das irisch-nationalistische Westufer mit dem unionistischen Waterside. Genau deshalb bekam sie auch den Namen „Peace Bridge“.

Das entsprechende Foto findet ihr ebenfalls im vorherigen Beitrag oder hier.

St Eugene’s Cathedral

Nun springen wir einfach mal in den nächsten Tag. Wir begannen den Tag natürlich mit nem Frühstück, das ist ja klar, um dann direkt zur St Eugene’s Cathedral zu fahren. Da die Kathedrale aber gerade mit einer Trauergemeinde besetzt war, gingen wir kurzerhand auf die andere Straßenseite und luscherten in die Christ Church rein, eine in 1830 gebaute kleine Kirche. Von innen sah sie gar nicht so prachtvoll aus, aber für einen kurzen Zwischenstop dennoch ganz nett 🙂

Nachdem die Trauergemeinde weg war, gingen wir doch noch in die St Eugene’s Cathedral. Es ist eine katholische Kathedrale und zugleich die Hauptkirche der Roman Catholic Diocese of Derry. Mit dem Bau der neugotischen Kathedrale begann man 1849, 1873 wurde die Kathedrale dann eröffnet. Der Turm und die Spitze kamen allerdings erst 1903 dazu. Finanziert wurde der Bau größtenteils durch Spenden. Nicht nur aus Derry und ganz Irland, sondern sogar aus den USA. Ein starkes Symbol gegen die jahrelange Benachteiligung durch die britische Krone. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der Innenraum mehrmals umgestaltet.

Bogside

Von dort aus war es nur ein Katzensprung hinunter in das Viertel, das Weltgeschichte geschrieben hat: die Bogside. Wir sind die Rossville Street entlanggelaufen, wo die berühmte „People’s Gallery“ zu finden ist. Diese 12 Wandgemälde (Murals) katapultieren einen mitten hinein in den irischen Befreiungskampf.

Besonders hängengeblieben ist der „Petrol Bomber“ – ein Junge mit Gasmaske und Brandflasche während der Schlacht in der Bogside 1969. Man kann sich kaum vorstellen, dass hier Straßenschlachten tobten, weil die irische Mehrheit von der pro-britischen Regierung unterdrückt wurde. Wir haben uns auch das Bloody Sunday Commemoration Mural angeschaut, das an die 14 unbewaffneten Zivilisten erinnert, die 1972 von britischen Fallschirmjägern erschossen wurden.

„You Are Now Entering Free Derry“

Mitten in der Bogside steht man dann plötzlich vor ihr: der ikonischen weißen Hauswand mit der Aufschrift „You Are Now Entering Free Derry“ – auch unser Titelbild für diesen Beitrag. 1969 riefen die Bewohner hier eine „No-Go-Area“ aus – eine selbstverwaltete irische Zone, in die sich die britische Polizei nicht mehr reintraute. Heute ist dieses Eck ein stolzes Symbol für den Widerstand gegen die Ungerechtigkeit und wohl der meistfotografierte Ort der Stadt.

Die Stadtmauer & St. Columb’s Cathedral

Nach unserer Erkundungstour durch die Bogside sind wir hinauf auf die legendäre Stadtmauer gestiegen, um die Perspektive zu wechseln. Die Mauer ist komplett begehbar und man fühlt sich wie in einer Zeitkapsel. Direkt gegenüber der Guildhall stehen wuchtige, gusseiserne Kanonen, die früher die britische Bastion gegen die irischen Belagerer verteidigten. Heute dienen sie eher als historischer Fotospot.

Direkt an der Ecke der Stadtmauer, quasi thronend über der Bogside, steht die beeindruckende St. Columb’s Cathedral. Sie wurde 1633 fertiggestellt und ist damit das älteste Gebäude der Stadt. Die Kathedrale ist im „Planter’s Gothic“-Stil erbaut und war die erste Kathedrale, die nach der Reformation auf den britischen Inseln errichtet wurde. Ein absolutes Highlight im Inneren sind die historischen Dokumente zur Belagerung von 1689 – ein friedlicher, aber sehr geschichtsträchtiger Kontrast zu den Kanonen nur wenige Meter weiter.

The Undertones – Mural

Ein cooles Highlight haben wir noch an der Cashel Street entdeckt: Das Undertones Mural. Die Band ist der Stolz der Stadt, schließlich kommt ihr Welthit „Teenage Kicks“ von hier. Das Wandbild zeigt die Bandmitglieder und erinnert daran, dass Derry in den 70ern nicht nur Unruhen, sondern auch verdammt guten Punk-Rock zu bieten hatte. 🙂

Grianan of Aileach

Nachdem wir in Derry noch den ein oder anderen Kaffee und ein paar kleine Souvenirs gekauft hatten, dachten wir uns, dass wir nochmal rausfahren aus der Stadt.

Nachdem wir Derry verlassen hatten, ging es über die Grenze zurück in die Republik Irland zum Grianan of Aileach. Der Name Grianán Aileach lässt sich als „Steinpalast mit der sonnigen Aussicht“ übersetzen. In der irischen Mythologie wurde er vom Gottvater Dagda (König der Tuatha Dé Danann) erbaut. Es heißt, sein Sohn Aeah sei im Zentrum der Festung begraben. Das ist eine gewaltige ringförmige Steinfestung auf einem Hügel, von der aus man einen 360-Grad-Blick über das Land hat.

Eigentlich herrscht dort Drohnenverbot, weil es ein Ort mit historischer Bedeutung ist. Aber als wir oben ankamen, sahen wir einen Vater und einen Opa mit ihren Kids, die im Inneren der alten Festung ganz ungeniert Fußball spielten. Wir dachten uns, wenn hier munter gekickt wird, darf die Drohne auch kurz mal schauen. Der Blick von oben ist einfach unbezahlbar, um die massiven Steinwälle, die bis zu 4,5 m dick sind, dieser Anlage aus dem 6. oder 7. Jahrhundert zu verstehen, die früher der Sitz der Könige von Ulster war.

Im Übrigen ist das heutige Grianan of Aileach kein Original mehr, denn die Festung wurde 1101 von Murtagh O’Brien (König von Munster) zerstört. Als ultimative Demütigung befahl er seinen 1000 Soldaten, beim Abzug jeweils einen Stein mitzunehmen, damit die O’Neills ihre stolze Festung niemals wieder aufbauen konnten. Die originalgetreue Rekonstruktion stammt aus den 1870er Jahren.

Beltany Stone Circle

Zum Abschluss des Tages steuerten wir noch den Beltany Stone Circle auf dem Tops Hill an. Das ist ein Steinkreis aus der Bronzezeit, der aus über 60 Steinen besteht. Ein kurzer Fußmarsch und ab übers Feld und siehe da, wir waren mal wieder komplett alleine!

Interessant zu wissen: „Beltany“ leitet sich vom keltischen Frühlingsfest Bealtaine ab. Der Steinkreis war wohl kein Friedhof, sondern ein großer astronomischer Kalender.

Es gibt zudem einen besonderen, verzierten Stein (den einzigen mit eingegrabenen Schälchen, sogenannten Cup-marks). Wenn am 1. Mai die Sonne aufgeht, zeigt dieser Stein exakt in die Richtung des Sonnenaufgangs. Das war für die Kelten das Signal: Der Sommer beginnt, das Vieh darf auf die Weiden! Da die Steine aber sehr verwittert sind, kann man diese Schälchen auf den Bildern nicht erkennen. Wir haben den Stein aber gesehen inkl. der Markierungen.

Mit etwa 45 Metern Durchmesser ist Beltany einer der größten Steinkreise Irlands. Heute stehen noch 64 Steine, aber man schätzt, dass es ursprünglich mal 80 bis 100 waren, die fast lückenlos eine Mauer bildeten. Da man das Ausmaß am besten aus der Luft sehen kann, haben wir die Drohne natürlich auch steigen lassen, und ich sag’s euch: Das fetzt von oben einfach am meisten! Erst aus der Vogelperspektive erkennt man die exakte Struktur und wie die Steine in der Landschaft angeordnet sind. Schaut mal genau ins Bild rein, dann sehr ihr die Dimension und man kann sich durchaus vorstellen, dass es wirklich eine fast durchgängige Mauer gewesen sein kann. Archäologen vermuten übrigens, dass sich in der Mitte des Kreises ein Ganggrab befand, da die Stelle leicht erhöht ist.

Ein magischer, stiller Ort, um diesen geschichtsträchtigen Tag zwischen Nordirland und der Republik Irland ausklingen zu lassen.


Beltany Stone Circle mit zwei kleinen Menschen mittendrin (also fast mittendrin)
Bildergalerie

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